5. Analyse des Rezeptionsprozesses

Begibt man sich in der Fachliteratur auf die Suche nach Studien zum Rezeptionsprozeß, stößt man inzwischen auf eine beachtliche Anzahl von Veröffentlichungen. Methodologisch gehen diese Studien keinesfalls einheitlich vor und kommen so auch zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen.
Um den Zusammenhang zwischen Zugangsweise und Forschungsergebnissen zu illus- trieren, werde ich im Folgenden zwei grundverschiedene methodologische Vorgehensweisen, kontrastierend vorstellen und jeweils im Anschluß kritisch würdigen.
5.1. Eine Wirkungsstudie über Nachrichtensendungen

Die 1989 von Ruhrmann vorgelegte Veröffentlichung "Rezipient und Nachricht" 229 wird auf dem Einband als "umfassende Analyse der Rezeption und der Wirkung von Nachrichtensendungen" 230 vorgestellt.
Ziel der Analyse ist die Beantwortung der Frage "wie Rezipienten mit Hilfe selektiver Strukturen und Prozesse die Nachrichten aufnehmen und verarbeiten" 231.
Die theoretischen Grundannahmen, die im ersten Teil des Buches vorgestellt werden, entstammen der Nachrichtentheorie, der Kognitionspsychologie und der Wissenssoziologie und können wie folgt, zusammengefaßt werden 232 :
Die Methoden der Studie stellten Inhaltsanalyse 234 , standardisierte Befragung und quantitative Auswertungsverfahren dar.
Dabei wurden zunächst an sieben Tagen die Nachrichtensendungen "Heute" und "Tages-schau" aufgezeichnet und später, unter Berücksichtigung formaler und inhaltlicher Variablen, analysiert. Unmittelbar nach Ende der jeweils aufgezeichneten Sendung, wurden dann 500 per Zufallsauswahl ermittelte Personen, die man vorab nicht informierte, von geschulten Interviewern aufgesucht und mittels standardisiertem Fragebogen befragt, wobei die Interviews von einem Cassetten-Recorder aufgezeichnet wurden.
Der erste Teil der Fragen diente zur Herstellung einer vertrauensvollen Gesprächsatmosphäre, der zweite Teil zielte auf freies, unverzerrtes Erinnern der Sendung und der Wiedergabe ihrer Themen ab, der dritte Teil forcierte die Erinnerung jeder einzelnen Meldung und der letzte Teil beinhaltete Fragen zu Mediennutzung, -präferenzen, zur Person und zu demographischen Daten. Die Potokolle dieser Befragung wurden anschließend transkribiert und sowohl qualitativ als auch quantitativ nach verbalen und nonverbalen Merkmalen codiert, wobei die Codierung relational im Hinblick auf die gesendeten Inhalte erfolgte, was die Aufdeckung von Verzerrungen, Weglassungen und Zusätzen ermöglichte. Neben der Analyse der kongnitiven Komponenten des Rekonstruktionsprozesses sollten auch die emotionalen Komponenten analysiert werden.
Auf der Grundlage der quantitativen Ergebnisse dieser Inhaltsanalysen wurden dann vom Autor 24 induktive Hypothesen entwickelt, von denen ich im Folgenden aus Platzgründen nur einige, exemplarisch, vorstellen werde.

Anhand eines fünfstufigen Selektionsmodells wird in der Studie zunächst der "effektive Wirkungsgrad" der rezipierten Nachrichtensendungen ermittelt:
  1. Anteil der Nachrichtenseher:
    Von den 500 kontaktierten Personen hatten nur 330 eine der beiden Nachrichtensendungen überhaupt gesehen und weitere 109 Personen verweigerten ein Interview. D.h., "daß n = 221 Befrage die Stichprobe bildeten" 235. Von N Bundesbürgern sehen also nurn = 66% abends Fernsehnachrichten.
  2. Definitive Erinnerung:
    Von diesen nachrichtensehenden Personen wurden nur 23,6% (d) der Meldungen definitiv erinnert.
  3. Erzählung von erinnerten Nachrichten:
    39,9% (m) der Textmenge der definitiv erinnerten Nachrichten konnte von den Befragten auch erzählt werden.
  4. Richtigkeit der Wiedergabe:
    Von diesen nacherzählten Meldungen wurden 74% (r) inhaltich richtig bzw. in etwa korrekt wiedergegeben und 26% wurden mehr oder weniger falsch erinnert und nacherzählt.
  5. Objektives Gesamtverständnis:
    34,5% (v) der korrekt wiedergegebenen Nachrichten wurden objektiv mißverstanden, d.h. Sinngehalt und Kontext wurden nicht oder nur mangelhaft erfaßt.

Mit der Formel We = nN · d · m · r · v wird nun der "effektive Wirkungsgrad" errechnet, der bei 3% liegt. "Sinngemäß heißt das mit anderen Worten: Nur jeder 33. deutsche Fernsehzuschauer kann die ARD- und ZDF-Fernsehnachrichten ausreichend verstehen und korrekt wiedergeben" 236.

Im weiteren Verlauf der Analyse wurden dann:
5.1.1. Zur Problematik von Wirkungsforschung

Wie schon die Überschrift dieses Kapitels andeutet, möchte ich an dieser Stelle einige kritische Bemerkungen zu empirischer Wirkungsforschung folgen lassen, wobei ich ihre prinzipielle Relevanz für Forschung und Lehre keinesfalls in Abrede stellen will, denn sowohl zur Überprüfung vorgeblicher Selbstverständlichkeiten, als auch zur Erklärung und Vorraussage von Medienwirkungen kann sie wichtige Beiträge leisten und hat dies auch schon oft genug unter Beweis gestellt.
Was mich allerdings in besonderer Weise inspiriert, dieses Kapitel zu schreiben, ist die Ankündigung einer "umfassenden Analyse der Rezeption und der Wirkung von Nachrichten" 241 auf dem Einband der Studie Ruhrmanns. M.E. handelt es sich bei dieser Studie nämlich zwar um eine umfangreiche, nicht aber umfassende Analyse des Rezeptionsprozesses. Wirkungsforschung, mag sie noch so viele intervenierende Variablen berücksichtigen, hat es immer mit dem Problem zu tun, daß sie Wirklichkeit reduziert, weil sie nomologisch, d.h. an der Erklärung durch Kausalgesetze orientiert ist und damit alles 242 , was über diesen Rahmen des kausal Erfaßbaren, d.h. Beobachtbaren und Operationalisierbaren hinausgeht, von ihr unberücksichtigt bleibt.
Damit verbunden ist auch, daß die Ergebnisse der empirischen Wirkungsforschung immer im Rahmen dessen zu finden sind, was das jeweilige Forschungsteam für relevant hält, d.h. in Hypothesen faßt, die dann empirisch geprüft werden.

Zur Problematik dieser Methode stellt Flick fest 243 :

Wenn Ruhrmann konstatiert, daß es eine allgemeine Theorie der Nachrichtenrekonstruktion, die deduktiv-nomologische Erklärungen zuließe noch nicht gibt 244 , möchte ich dem hinzuzufügen, daß dies angesichts des Untersuchungsgegenstandes "Mensch" wohl auch nie der Fall sein wird 245.

Medienrezeption muß nämlich immer auch als Handlung verstanden werden, die zwar einerseits auf sehr komplexe Weise von der Umwelt determiniert ist, andererseits aber nicht in dieser äußeren Verursachung aufgeht, sondern ihre Bedingungen zu allererst in sich selber trägt, was sie vom bloßen Reagieren auf Reize ja gerade unterscheidet. Insofern kann nomologische Wirkungsforschung soviele intervenierende Variablen berücksichtigen, wie sie will, der Sinn der Handlung "Nachrichtensehen", kann kausal nicht deduziert, sondern nur vom Individuum aus beantwortet werden.

So interessiert sich die vorgestellte Studie nicht für die Frage, warum der jeweilige Rezipient selber eigentlich die Nachrichtensendung gesehen hat, sondern definiert den Sinn der Handlung "Nachrichtensehen" statt dessen im Sinne der "Nachrichtenmacher" und im Sinne deren Interesse an der Frage, ob die Nachrichten diese Wirkung denn auch tatsächlich erzielen: als Informationsaufnahme und -verarbeitung, die den Rezipienten im Idealfall in die Lage versetzt, die Wirklichkeit der Sendung direkt im Anschluß, verbal, unvorbereitet, korrekt und in einem vorher festgelegten Rahmen, der Verständnis und Kontext beinhaltet, re-rekonstruieren zu können.
Vielmehr würde mich persönlich aber z.B. interessieren, wie der jeweilige Rezipient die Nachrichtensendung in seine eigene Wirklichkeit integriert. Warum hat er sich die Sendung überhaupt angesehen ? Vielleicht wollte die befragte Person gar nicht die Tagesschau sehen, um ihre Wirklichkeit anschließend verbal re-rekon-struieren zu können, sondern liebt statt dessen den ritualisierten Freiraum, den sie schafft. So ist es heute üblich, daß man sich während der 20 Uhr Nachrichten nicht gegenseitig anruft und tut man es doch, bekommt man vielleicht den Hinweis, daß der Angerufene ja eigentlich jeden Abend um diese Zeit die Tagesschau sieht - man wird also über ein Ritual informiert, das man besser nicht wieder stören sollte.
Was ich außerdem von einer umfassenden Analyse der Nachrichtenrezeption erwarten würde, ist eine Antwort auf die Frage, inwiefern das Rezipierte, nicht nur verbal reproduziert werden kann, sondern auch Einfluß auf das weitere Denken und Handeln des Rezipienten hat. So kann etwa ein bestimmter Beitrag für einen bestimmten Rezipienten persönlich besonders relevant sein, was vielleicht dazu führt, daß er, während er die Meldung auf sein eigenes Leben bezieht und reflexiv verarbeitet, den gesamten Rest der Nachrichten verpaßt. Damit zieht er dann zwar den von "Nachrichtenmachern" gewünschten, möglichst hohen "effektiven Wirkungsgrad" nach unten, vielleicht hat seine Reflexion aber zur Folge, daß er einen bestimmten Zusammenhang nun aus einer neuen Perspektive sieht, die Rezeption seinen Handlungsspielraum also vergrößert hat. Zusammenfassend möchte ich festhalten, daß Medienwirkung nicht in einem Ding-Ereignis-Rahmen zu erfassen ist und sich nicht auf physikalische Ereignisbeschreibungen oder proportionale Aussagen reduzieren läßt 246 , weil Medienrezeption als Handlung es immer mit dem aktiven, d.h. maßgeblich beteiligten Subjekt und seinen Bedürfnissen zu tun hat.

Eine umfassende Analyse des Rezeptionsprozesses muß deshalb Medienrezeption immer auch als Handlung eines bestimmten, sinnstiftenden Individuums betrachten, die nur aus dessen Perspektive verständlich wird.
5.2. Strukuranalytische Rezeptionsforschung als Beispiel eines komplexen, interdisziplinären Theoriemodells

Das Menschenbild des interpretativen Paradigmas ist Grundlage des hier vorgestellten handlungsorientierten Ansatzes und

Im Gegensatz zur deduktiv-nomologisch vorgehenden Methode der Naturwissenschaften, nutzt eine seit etwa 1980 an Längsschnittuntersuchungen mit Vorschulkindern arbeitende, interdisziplinär zusammengesetzte Gruppe, bestehend aus Psychologen und Soziologen, die "Methode der Strukturanalyse bzw. der rationalen Rekonstruktion von sozialen Tatbeständen" 248, die es ermöglicht, psychologische, soziologische als auch sprach- und kulturwissenschaftliche Aspekte gleichermaßen zu berücksichtigen.
Charlton und Neumann beschreiben die Ziele der strukturanalytischen Rezeptionsforschung folgendermaßen 249:
Medienproduktion und -rezeption werden hier als besondere Form der Kommunikation, d.h. als soziale Handlung verstanden 250 .
Theoretische Basis der strukturanalytischen Rezeptionsforschung sind u.a. die Theorie der symbolisch vermittelten Interaktion von G.H.Mead 251 und die daraus weiterentwicklete Theorie des kommunikativen Handelns von Habermas 252 . Kognitive und emotionale Schemata der Welterfahrung sind demnach sozial fundiert, d.h. die Struktur des psychischen Apperates ist als Folge der sozialisatorischen Interaktion zu verstehen. Für Charlton und Neumann ist soziales Wissen nicht nur Inhalt,

Rezeption als soziale Handlung erhält ihren Sinn also erst dadurch, wie sie in die soziale Realität des Individuums als Ganzes eingeordnet ist. Die Rekonstruktion des objektiven Sinns sozialen Handelns ist mit dem Auswertungsverfahren der "strukturalen Hermeneutik" von Oevermann, auf die ich im nächsten Kapitel näher eingehen werde, möglich.
5.2.1. Methodologische Grundlagen

Mit dem Ziel einer möglichst umfassenden Analyse des kindlichen Rezeptionsprozesses, führten Charlton und Neumann eine Längsschnittuntersuchung mit sechs Kindern im Alter von zwei bis sechs Jahren durch, die über einen Zeitraum von 1 ½ bis zwei Jahren 18-23 mal, von zwei Beobachtern besucht wurden.
Neben der Methode der teilnehmenden Beobachtung wurden in dieser Feldstudie außerdem 254 , die von der klinischen Entwicklungspsychologie zur Rekonstruktion der kindlichen Erfahrungswelt benutzten, erlebnisaktivierenden Methoden "kreatives Gestalten", "Rollen-spiel" und "Spielen mit Sceno-Material" eingesetzt, wodurch affektive und kognitive Schema sichtbar, und Austauschprozesse zwischen Subjekt und sozialer Umwelt der Analyse zugänglich werden sollten. Die Beobachter/rinnen besuchten die Familien, die der unteren bis mittleren Mittelschicht einer süddeutschen Großstadt angehörten, jeweils für zwei bis drei Stunden zu Spielnachmittagen, von denen sie einen Großteil der Zeit mit den Kindern alleine verbrachten und sich in kindzentrierter Weise mit ihnen beschäftigten.
Den Kindern wurden dabei nicht systematisch Medien zur Rezeption vorgelegt, sondern diese wurden in der Mehrzahl von den Kindern selbst vorgeschlagen. Die Spielnachmittage wurden ebenso, wie die jeweils abschließend stattfindenden Gespräche mit den Eltern, auf Tonband aufgezeichnet, die von den Kindern aufgebauten Spielszenarien wurden photographiert und ihre evtl. angefertigeten Zeichnungen wurden kopiert in die Datensammlung aufgenommen.
Die Gespräche mit dem anwesenden Elternteil, dienten der Unterhaltung über wichtige Themen des Tages und die Zeit seit dem letzten Besuch, sollten aber auch Einblicke in die familären Interaktionsroutinen und die der Familie wichtigen Themen und Sichtweisen verschaffen.
Zusätzlich zu diesen Gesprächen mit den Eltern fanden drei bis sieben weitere Gespächsabende statt, bei denen das Selbstverständnis der Eltern bezüglich Partnerschaft, Erziehung, Beruf und Medienkonsum erfragt und außerdem die Geschichte der Familie bis in die Großeltern-Generation rekonstruiert wurde.
Der Grobablauf jedes Spielnachmittages wurde anhand eines standardiserten Protokollbogens festgehalten, der allerdings nicht als Kategoriensystem mit vorgegebenen Inhalten, wie in der deduktiv-nomologischen Forschung üblich, sondern als Interpretations- und Deutungshilfe diente. Jeweils zwischen zwei Familiennachmittagen, d.h. etwa wöchentlich, fanden ca. vierstündige Supervisionssitzungen statt, bei denen die vorausgegangenen "Beobachtungssitzung dem Team zu ersten Interpretation und zur Kontrolle des Beobachterverhatlens vorgestellt" 255 wurden.

Als Auswertungsverfahren wurde die strukturale (oder auch objektive) Hermeneutik, wie Oevermann sie vorgeschlagen hat, ausgewählt 256 . Grundlagen dieses Verfahrens bzw. Ansatzes sind der auf Mead zurückgehende symbolische Interaktionismus, die sprachwissenschaftlichen Ansätze von Chomsky und Searl, aber auch entwicklungspsychologische Ansätze, wie der genetische Strukturalismus.
Oevermann zieht in seinem Konzept die Konsequenz aus der in Kapitel 4.1.3. dargestellten These, daß Sprechen Handeln bedeutet. Weil Gesellschaft sich sprechend reproduziert und transformiert, muß die Analyse der sprachlichen Interaktion, bzw. die Rekonstruktion von Handlungsregeln, auch zu Erkenntnissen über die Ordnung der Gesellschaft führen, lautet Oevermanns erkenntnistheoretische Schlußfolgerung.

Oevermann ist mit Mead einig, daß das Bewußtsein allein sprachlich konstituiert ist. Jede Bedeutung ist über Sprache installiert, d.h. alles Sinnhafte kann auch in Sprache "rückübersetzt" werden. So können zwar auch nicht-sprachliche wechselseitige Handlungen einen Sinn haben, ihre Sinnstruktur kann aber erst im Medium der Sprache, die alle Regeln gesellschaftlicher Sinnproduktion enthällt, dargestellt werden. Searle unterscheidet zwischen konstitutiven und regulativen Regeln 257 , die das Programm der Kompetenz ständig sichern und erweitern. Regulative Regeln bewahren in Form von Handlungsmaximen das Erfahrene, während konstitutive Regeln neue Handlungsgefüge und Verhaltensformen entstehen lassen. Merkmal aller Kompetenzen ist die Fähigkeit regelgeleitet zu handeln, wobei es sich nicht um ein statisches Modell handelt, sondern um ein dynamisches mit offenem "Unendlichprogramm" 258.
Regeln sind also nicht nur eines von vielen Wissensgebieten 259 , die Kinder sich aneignen müssen, sondern stellen die Grundeinheit der 'Strukturiertheit des Sozialen' überhaupt dar. Weil Sprachregeln konstitutiv für sinnhaftes Handeln sind, spricht Oevermann von der Text-förmigkeit sozialer Wirklichkeit. Im Prozeß der sozialisatorischen Interaktion 260 , werden mit den Erfahrungsinhalten auch die Strukturen der sozialen Realität verinnerlicht, die selber wiederum textförmig, d.h. nach den Prinzipien der Sprache konstruiert sind.
Sowohl die Möglichkeit der Versprachlichung, als auch die Möglichkeit der Rekonstruktion der objektiven Bedeutungsstruktur (oder auch der latenten Sinnstruktur), die von den subjektiven Intentionen der Handelnden strikt zu unterscheiden ist, resultieren aus der Regelhaftigkeit sprachlichen Handelns.

Die strukturale Hermeneutik als Methode zur Erfassung des objektiven Sinns von Handlungen wird nun von Oevermann aus diesen Grundannahmen abgeleitet. Grundlegenes forschungspraktisches Prinzip ist dabei die Sequentialität der Interpretation, die den Selektionsschritten, die die betreffende Handlungssequenz charakterisieren, folgt und so auch die Rekonstruktion der strukturierenden Vorraussetzungen der Sinnkonstruktion zu erfassen vermag. In dem von Oevermann u.a. entwickelten Verfahren der Feinanalyse wird deshalb je "eine ausgewählte Folge von Interakten fortlaufend von Sprecherwechsel zu Sprecherwechsel in ihrer Logik rekonstruiert" 261.
Anhand eines Systems von Fragen wie z.B. nach 262 :

Das Kriterium für die Gültigkeit der Interpretation ist das intiutive Wissen der Interpreten über Spielregeln des sozialen Lebens und somit auch den Regeln der Sprachverwendung. Der Forscher als "native speaker" kann sich "grundsätzlich problemlos auf im Rahmen seiner "Handlungskompetenz" gebildete gedankenexperimentelle Fälle oder Beispiele stützen. Sie sind mindestens so geeignet, wie beobachtete Handlungen" 263.
Charlton und Neumann segmentierten angesichts der Fülle ihrer Daten, die eine wiederholte Feinanalyse unmöglich machte, die Protokolltexte in Grobsequenzen, die dann neben weiteren Kontextinformationen sinnlogisch rekonstruiert wurden und zu dem im folgenden Kapitel dargestellten Struktur- und Prozeßmodel des Medienrezeptionshandelns führten. Repräsentative Aussagen wurden bei dieser Studie nicht angestrebt, weil die Analyse von Handlungsbedingungen und Handlungsverläufen immer Ergebnisse hervorbringt, die durch Singularität ausgezeichnet sind. Neben dieser Singularität konnten aber auch, wie sich im Folgenden zeigen wird, universelle Aspekte des Mediengebrauchs nachgewiesen werden.
5.2.2. Strukturelemente der Rezeption

Da die Autoren Charlton und Neumann Medienrezeption als Handlung begreifen, muß diese, wie jede andere Handlung auch, intentionale, aktive Auseinandersetzung mit sinnhaften Botschaften sein, die regelhaft ist und nur vor dem Hintergrund spezifischer kontextueller Bedingungen verstanden werden kann.
Diese Rahmenbedingungen werden über folgende drei Strukturelemente der Analyse zugänglich 264 :

1. Der soziale Kontext, der die "aktuelle Situation" und die "Struktur der Interaktionsfelder", umfaßt.
Die aktuelle Situation des sozialen Kontextes, manifestiert sich in den besonderen Ereignissen oder Gruppenkonstellationen, die das Denken und Handeln des Rezipienten aktuell beeinflussen, während die Struktur der Interaktionsfelder ( z.B. von Familie, Kindergarten, Schule, Peers) über die Art der Rollenverteilung erfaßt werden kann.
So stellten beispielsweise Hurrelmann u.a. in einer interaktionistischen Studie im Rahmen des Kabelpilotprojektes interressante Daten zu der Frage, inwiefern das Medium "Fern-sehen" auf das Interaktionsgeschehen in der Familie wirkt, zusammen 265 .
Die Fragen, wie Fernsehen in den Tagesablauf der Familie eingebunden ist, welche soziale Funktion es übernimmt, wie die Rezeption kommunikativ eingebunden wird und über welche pädagogischen Konzepte die Eltern zum Fernsehen ihrer Kinder verfügen, wurden anhand von soziodemographischen Merkmalen und "interaktionalen Eigenschaften der Familien wie z.B. Familienklima, Rollenverhalten, Gesprächsverhalten, Erziehungsverhalten" 266 überprüft .
Es stellte sich heraus, daß die Erweiterung der Fersehmöglichkeiten je nach soziokulturellen Vorraussetzungen und Schichtzugehörigkeit unterschiedliche Folgen für die familiale Interaktion hatte. So zeigten sich z.B. Schichtdifferenzen in den Sehzeiten, d.h. je höher die Schicht, desto niedriger war die Sehzeit.
Soziokulturelle Vorraussetzungen, wie Gesprächsverhalten und Erziehungsverhalten, zeigten ähnliche Zusammenhänge mit der Verarbeitungsart: Ob über das Gesehene noch gesprochen wurde, hing von dem Entwicklungsstand der Gesprächspraxis der Familie ab, wieviel von den Kindern gesehen wurde, hing von den Verhaltensspielräumen ab, die der Erziehungsstil der Eltern zuließ.
Weiterhin wurde untersucht, ob erweiterter Medienkonsum auch Rückwirkungen auf die Interaktionsvorraussetzungen der Familie hat. Das Augenmerk wurde hierbei besonders auf die Rollenvermittlung der Familie gelegt und es zeigte sich, daß Fernsehen als integratives Moment im Familienalltag die familiale Rollenstruktur eher verfestigt als verändert, wie es z.B. Postman mit seiner These vom "Ende der Kindheit" vertritt 267 .
So wurde zwar deutlich, daß sich im Fersehbereich "Erwachsenheit" für Kinder in höheren Nutzungszeiten ausdrückt, was für die Buchlektüre heute nicht mehr zutrifft. Die Kontrolle über die Rezeption haben aber nach wie vor die Eltern. Wie schon in der bürgerlichen Familie des 18. Jahrhunderts der Vater in autoritativem Verhältnis zum Buch stand, indem er die Wahl der Lektüre traf, ist es bei der Wahl des Fernsehprogrammes wieder meist der Vater, der die Entscheidung über die Rezeptionsinhalte fällt.

2. Bedürfnisstruktur und kognitive Kompetenz des Rezipienten
Je nach Entwicklungsstand und -aufgabe beschäftigen Kinder und Jugendliche sich mit spezifischen Themen, die ihnen bei Indentitäts- und Kompetenzaufbau helfen können. So befinden sich z.B. Vorschulkinder in einer Übergangsphase zwischen natürlicher und Rollenidentität und sind bemüht die neue Alters- und Geschlechtsrolle zu übernehmen. In diesem Sinne zeigte sich auch im Rahmen des Forschungsprojektes "Kinder und Cartoons" 268 , daß erst der Bezug zum eigenen Erlebens- und Erfahrungsraum die individuelle Nähe zu den Zeichentrickfiguren ausmacht. Fragt man Kinder nach ihren Lieblings-Cartoon-figuren, nennen Jungen männliche und Mädchen weibliche Gestalten. Die Kinder suchen also gezielt nach Vorbildern für eigenes Handeln, um so die im Alltag an sie gestellten Entwicklungsaufgaben und Rollenenanforderungen besser bewältigen zu können.
Zu diesem Strukturelement gehört außerdem auch die Kategorie "Persönlichkeit des Rezipienten", die von den Autoren in die Aspekte "Bedürfnisstruktur", welche eng mit Entwicklungsstand und -aufgaben verbunden ist, und "Ich-Prozessen", zu denen Abwehr- und Bewältigungsstrategien gehören, ausdifferenziert wird.
Ebenso wie der Entwicklungsstand die Beschäftigung mit spezifischen Themen zu Folge hat, drückt sich die Bedürfnisstruktur des Rezipienten in bestimmten handlungsleitenden Themen aus. Thematisch voreingenommen und entsprechend der benutzen Abwehr- und Bewältigungsstrategien verarbeitet der Rezipient also "die objektive, allen Rezipienten gleich dargebotene Sinnstruktur des Medienprogramms individuell, spezifisch und selektiv" 269 .

3. Die Struktur des Medienprodukts So bieten z.B. Cassetten besonders kleinen Kindern, die noch einen starken Hang zu Wiederholungen haben, die Möglichkeit des Vor- und Rückspulens, was das Fernsehen ihnen nicht ermöglicht. Aber auch bei Kinderbüchern kann die Struktur des Mediums entscheidenden Einfluß auf die Rezeption haben: Werden hier zusätzlich zum Text auch Bilder geboten, eröffnen sich erweiterte Steuerungs- und Verabreitungsmöglichkeiten.

5.2.3. Phasen der Rezeption

Anhand ihrer Längsschnittuntersuchung zum Mediengebrauch von Vorschulkindern konnten Charlton und Neumann einige Muster des Mediengebrauchs, die in spezifischen Enscheidungssituationen deutlich werden und wohl bei allen Rezipienten in vergleichbarer Weise auftreten, aufzeigen.
Die Kette der Entscheidungen bestimmt dabei das individuell charakteristische Verlaufsmuster der Rezeption, die Punkte, an denen Enscheidungen getroffen werden, bezeichnen dagegen den universellen Aspekt.

5.2.3.1. Die soziale Einbettung der Rezeption

Die erste Phase bezieht sich auf die Entscheidung 270 , die bezüglich der sozialen Einbettung der Rezeption vorgenommen wird. Man entscheidet bevor man mit der Rezeption beginnt, ob man dabei alleine sein will oder in Gemeinschaft.
Will man Medien mit anderen gemeinsam rezipieren, muß zuvor eine Neudefinition der sozialen Beziehungsmuster erfolgen, d.h. Handlungsrollen, Machtverhältnisse und das Ausmaß emotionaler Gemeinsamkeit werden neu bestimmt, wobei es häufig so ist, daß der Medienkonsum die Funktion hat, soziale Beziehungen in eine bestimmte Richtung zu beeinflussen.
Charlton und Neumann entdeckten drei verschiedene Dimensionen der Interaktionsform während der Medienrezeption:

  1. Handlungskoordination, wobei Kinder die soziale Situation neu gestalten wollten, indem sie versuchten einen gemeinsamen Aufmerksamkeitsfokus zu schaffen, den Dialog zu steuern und die familiale Rollenverteilung zu erhalten oder aufzubauen.
  2. Macht und Selbstbehauptung, wobei Kinder sozialen Druck ausübten, Kompetenz oder Überlegenheit beweisen wollten, die Gruppenstimmung zu kontrollieren versuchten oder sich mittels Medienrezeption dem Einfluß anderer entziehen wollten.
  3. Affektive Beziehungsgestaltung, in dem sie sich selbst mit Bezug auf Medien mitteilten, sich mit Mediengeschichten verwöhnen bzw. versorgen ließen, emotionale Gemeinsamkeit über Medienbezug herzustellen versuchten, körperliche Nähe suchten bzw. vermeiden wollten oder versuchten von sich und dem eigenen relevanten Thema abzulenken.

Hierzu möchte ich gerne ein Beispiel liefern 271: In einer Beobachtungsstunde wollte der fast sechseinhalb jährige Felix mit dem männlichen Beobachter Schach spielen. Vollmündig kündigte er an, daß er gegen seinen Vater mit den weißen Figuren immer gewinnt. Als sich dann seine Niederlage gegen den Beobachter ankündigte, legte Felix in seinen Kassettenrekorder die Hörspielkassette "Benjamin Blümchen beim Zahnarzt" 272 ein und ließ selbige, auch während der nachfolgenden Revanchepartie, laufen. Die weibliche Beobachterin, die sich nicht am Spiel beteiligte, unterhielt sich simultan mit Felix, für den dieses Thema insofern aktuell war, als er demnächst einen Milchzahn verlieren würde, über seine Erfahrungen mit Zahnärzten und Zahnschmerzen. Die Spielzüge selber wurden von Felix und dem mit ihm spielenden Beobachter in Form von Zitaten aus dem laufenden Hörspiel kommentiert. Als Felix auch das zweite Schachspiel zu verlieren fürchtete, warf er einen Teddybären auf das Schachfeld und beendete vorzeitig das Spiel. Die Hörspielkassette fand beim anschließenden Tobespiel keine Aufmerksamkeit mehr.
Bei der Analyse dieser Interaktionssequenz zeigte sich, daß Felix das Hörspiel zur Bewältigung des Konkurrenzkampfes mit dem Beobachter nutzte. Die Forscher führen aus, daß die Tätigkeiten "Spielen", "Sprechen" und "Zuhören" ganz verschiedene Handlungsverpflichtungen mit sich bringen. Das strategische Schachspiel setzt eine erfolgsorientierte Haltung vorraus und schließt einen offenen, dialogischen Austausch über Erwartungen, Bedürfnisse und Wünsche aus.
Die Zwischengespräche hingegen waren verständigungsorientiert und intendierten genau diesen offenen Dialog. Mit Medienzitaten wurden während dieser Interatkionssequenz einerseits die prekären Schnittstellen zwischen strategischem Spiel und Verständigungsorientierung markiert und andererseits der Grad an Offenheit reguliert.
Durch die Mediengeschichte als gemeinsamen Hintergrund wurden so auch emotionale Äußerungen in der "Tarnkappe des Zitats" 273, die anzeigt, daß Gefühlsäußerungen hier nicht voll situationsadäquat sind, neben der Hauptbeschäftigung "Schachspielen", möglich. Hier wird deutlich, daß Mediennutzung nicht umbedingt mit dem Bedürfnis nach Unterhaltung oder Information verbunden sein muß, sondern auch zur Regulierung und Definition von sozialen Beziehungen funktionalisiert werden kann. Aus dieser Erkenntnis heraus entpuppte sich im Laufe der Studie für die Autoren die Maxime "Alles zu seiner Zeit, tue immer nur Eines auf einmal" 274 als pädagigisches Vorurteil, "das die Komplexität und Funktionalität der Vorgänge bei der Mediennutzung unterschätzt" 275.

Kinder nutzen Medien also nicht nur, um unterhalten oder informiert zu werden, sondern funktionalisieren sie entsprechend spezifischer Bedürfnisse, deren Ursprung im sozialen Kontext liegen, für selbstgesetzte Zwecke. Dabei ist entscheidend, daß Kinder, wenn sie versuchen mittels Medien soziale Beziehungen zu beeinflussen, immer auch soziale Interaktion üben und somit ihre eigene Identitätsentwicklung fördern.
5.2.3.2. Die thematische Voreingenommenheit

Die zweite Phase der Rezeption wird von den Autoren als "thematische Voreingenommen-heit" bezeichnet und meint die Auseinandersetzung des Individuums mit der Umwelt im Fokus seines aktuellen Entwicklungsthemas, aktueller Probleme oder Interessen.
Diese Phase gewinnt dann an Bedeutung, wenn es dem Kind nicht so sehr darum geht mit Hilfe der Rezeption soziale Beziehungen zu beeinflussen. Die thematische Voreingenommenheit bezeichnet im Gegensatz zur logischen Rekonstruktion des objektiven Sinnangebotes einer Mediengeschichte, deren subjektive Wahrnehmung und hat entscheidenden Einfluß auf Interpretation, Verstehen und emotionale Verarbeitung des Rezipierten. Mit dem Begriff "Thema des Kindes" charakterisieren die Autoren den Sinngehalt der vom Kind in der sozialen Interaktion oder im Rollenspiel inszenierten Handlungsepisoden, der sich vom Beobachter unter Bezugnahme auf die innere Logik der Handlungssequenz rekonstruieren läßt.
Medienrezeption als Handlung kann deshalb nicht ausschließlich über den Regelbegriff, wie er im Konstrukt der Kompetenz zur Geltung kommt verständlich werden, sondern bedarf immer auch der Rekonstruktion des Themas, d.h. des gemeinsamen, übergeordneten Sinns bestimmter Ziele einer Handlungssequenz, das den jeweils relevanten Komplex von Regeln und Bedeutungen bestimmt und symbolisiert 276.

Der Grundannahme entsprechend, daß der Gebrauch von Medienangeboten und der Umgang mit Medieninhalten generell aktives, soziales Handeln ist, nähert sich der Rezipient dem Medium mit bestimmten Absichten, setzt sich sinnverstehend mit Medieninhalten auseinander und "prüft die dort angebotenen Deutungsmuster von "Welt" auf ihre Verwendbarkeit für sich selbst und seinen Alltag" 277.
Charlton und Neumann konnten anhand klinisch-psychologischer Verfahren feststellen 278, daß die beobachteten Kinder nach Themen suchten, die Hilfe für die eigene Lebensbewältigung bieten, indem sie die Lebenssituation des Kindes in modifizierter Form nacherzählten oder zu einer Lösung brachten. So interessierte sich beispielsweise Christian, ein Kind aus der Beobachtungsstudie, ganz besonders für Janosch-Bücher, die er sich gezwungener Maßen von einem Nachbarskind vorlesen lassen mußte, weil seine Eltern diese Lektüre als wenig kindgemäß ablehnten. Christian interessierte sich besonders für die Geschichte "Hasenkinder sind nicht dumm", in der ein überbehüteter Hasenjunge seinen Eltern mit Selbstsicherheit und Cleverness zeigt, daß er entgegen ihrer Befürchtungen mit den Gefahren dieser Welt schon sehr gut alleine klar kommt. Der Vergleich dieser Handlungsstruktur mit Christians häuslicher Lebenswelt zeigte evidente Übereinstimmung: Auch Christians Lebenswelt war von ängstlich besorgten Eltern geprägt und wie der Hasenjunge setzte auch er sich über Verbote seiner Eltern hinweg und las, was ihm gut tat.

Die meisten beobachteten Kinder hatten sich bereits vor der Rezeption mit dem eigenen Identitätsthema auseinandergesetzt, suchten dann selber ein Medienthema aus, das dem Identitätsthema aus objektiver Perspektive zwar nicht immer entsprach, im Falle der Abweichung jedoch von den Kindern durch objektiv nicht gerechtfertigte Lesearten, zu diesem in Bezug gebracht wurde. Nach der Rezeption unterbrachen die meisten Kinder das vorherrschende Thema und führten ein neues ein. Im Laufe des Beobachtungsnachmittags kamen sie allerdings auf das subjektiv wahrgenommene Rezeptionsthema, das ja in der Regel dem Identitätsthema entsprach, zurück.
Die thematische Steuerung zeigt sich also vor, während und nach der Rezeption und selbst, wenn das rezipierte Thema nicht dem Identitätsthema entspricht, wird es nachträglich "um-geschrieben" und somit kompatibel für die eigene Lebensbewältigung.
Hier zeigt sich ganz deutlich, daß Kinder Medien zielgerichtet nach Inhalten absuchen, die sich zu ihrem eigenen Thema in Bezug bringen lassen. Kinder nehmen somit Medienbotschaften nicht einfach passiv in einen bestehenden Wissensvorrat auf, sondern sie "machen" etwas mit ihnen: sie durchsuchen die Inhalte nach Anregungen für die Bewältigung ihrer eigenen Entwicklungsaufgaben. Kinder rezipieren Medien also selektiv in Bezug auf indentitätsrelevante Themen. Die Frage "Wie wirkt eine bestimmte mediale Botschaft auf Kinder ?" kann sinnvoll also gar nicht gestellt werden, weil nicht das medial angebotene Thema die Rezeption determiniert, sondern das Kind selber (unbewußt) seine Wahrnehmung steuert, indem es nach Bezugspunkten für seine eigene Lebensbewältigung sucht.
Die thematische Voreingenommenheit erweist sich somit unter Umständen auch als Schutzmechanismus gegen Beeinflussung. Damit meine ich, daß Kinder sich eben nicht für alles interessieren, was die Medien bieten, sondern, daß sie, wenn sie die Möglichkeit der Wahl des Mediums haben, sehr gezielt nach Themen suchen, die sie in ihrer Identitätsarbeit voranbringen können.
5.2.3.3. Strategien der Rezeptionssteuerung

Die dritte Phase der Rezeption bezeichnet die "Strategien der Selbststeuerung". Die beobachteten Kinder rezipierten die Geschichten nur in Ausnahmefällen ohne Unterbrechung. So kam es bei ca. 30% der Fälle erst nach mehreren Anläufen zur Rezeption, in fast 46% der Fälle wurde die Rezeption mitten in der Geschichte unterbrochen und in 15% der Fälle wurde die Rezeption vorzeitig abgebrochen. Die Analyse einzelner Fälle von Unterbrechungen ergab, daß es sich hier im Gegensatz zu unmotivierten Abschweifungen, bedingt durch altersspezifische Konzentrationsschwäche, um eine systematisch eingesetzte Technik zur Steuerung des Ausmaßes der Konfrontation mit dem Thema und dem Grad der emotionalen Betroffenheit handelte.
So entgnete die dreijährigen "Sanne" auf das Angebot einer Beobachterin ihr das Bilderbuch von den "Abenteuern der kleilnen Katze" vorzulesen, daß sie ja den Beobachtern vorlesen könne, womit sie von Anfang an die Kontrolle über die für sie sehr aufregende Geschichte übenahm. Dabei überblätterte sie Bilder, die ihr zu viel Angst machten und holte diese, erst als sie sich wieder gefangen hatte, nach. Hier zeigt sich, inwiefern die Struktur des Medienprodukts bei der Rezeption eine große Rolle spielt und warum Kinder gerade Geschichten, die sie schon häufig gehört haben so sehr schätzen: So bieten z.B. bereits bekannte Bilderbücher und Tonbandkassetten Kindern die Möglichkeit die eigene emotionale Beteiligung und Selbstkonfrontation auf eine Art und Weise zu steuern, die ihrem Bedürnis nach Sicherheit entspricht, während bei der Rezeption von unbekannten Fernsehsendungen andere Schutzmaßnahmen 279, wie z.B. im Raum herumlaufen oder sich die Augen zuhalten notwendig sind.

Die Autoren stellten neben der Unterbrechung als Steuerungsmittel aber auch die von Rapp in der Theatersoziologie unterschiedenen Rezeptionsmodi "illusives" und "inlusives" Zuschauerverhalten fest 280 .
Inlusives Verhalten, bei dem der Rezipient sich aktiv-distanziert, z.B. durch Kommentation, mit dem Rezipierten auseinandersetzt, war dabei mit 73% der beobachteten Kinder erheblich öfter zu beobachten als illusives Verhalten, bei dem die Kinder passiv-selbsversunken ins Medienskript eintauchten.
Auch die beobachtete Sanne zeigte inlusives Rezipientenverhalten 281, indem sie zu Begin und am Ende der Geschichte eine kritische Distanz herstellte und die Geschichte abweichend vom gedruckten Text in der dritten Person erzählte. Die detaillierte Analyse ihres Sprachverhaltens ergab, daß Sanne auf diese Weise systematisch das Ausmaß ihrer eigenen Betroffenheit zu bewältigen und zu steuern suchte.
Schon mit ca. zwei einhalb Jahren besitzen Kinder ausreichend Selbstbewußtsein und Handlungskompetenz, um aktiv "nein" sagen zu können und genau wie im face-to-face-Dialog, nutzen sie diese Kompetenz auch im Umgang mit Medien 282 und setzen sich, sofern die Struktur des Mediums es erlaubt, einem wohldosierten Quantum an symbolischen Anregungen zur Selbstdeutung aus.
5.2.3.4. Aneignung und Vermittlung

Die vierte und letzte Phase der Rezeption bezeichnen die Autoren als "Phase der Aneignung", wobei es zu einer Assimilation des Rezipierten in die eigene Lebenssituation kommt. Diese Vermittlungstätigkeit ist zeitlich nicht begrenzt und zeigt sich z.B. im anschließenden Spiel, wobei entweder das Rezipierte nachgespielt oder auch Selbsterlebtes mit den symbolischen Mitteln des Medienskripts dargestellt wird. Aber auch die Reflexion des Rezipierten im Gespräch oder die Visualisierung durch Malen konnten als Nachbereitungs- und Aneignungsformen beobachtet werden 283 .
Bei Cassetten, Videos oder Büchern stellt ein weiteres Mittel der schrittweisen Aneignung die wiederholte Rezeption dar, wobei "...der Fokus der Wahrnehmung immer mehr ausgeweitet oder auf neue Aspekte verlagert werden kann" 284.
Als Vorraussetzung der Aneignung stellen die Autoren Projektions- und Identifikationprozesse heraus, die die selbe Funktion bei der Bewältigung der Anforderungen der Sozialwelt erfüllen, wie es Akkomodation und Assimilation bei der Bewältigung der Anforderungen der Sachwelt tun 285. So bedeutet Identifikation, daß wahrgenommene Handlungsstrukturen in die eigene Handlungsgestaltung übernommen werden, d.h. das interaktive Handlungsschema erweitert wird, während bei der Projektion die vom Subjekt ausgebildeten interaktiven Handlunsstrukturen einer Sozialwelt übergestülpt werden, d.h. eine neue Situation einem bereits bestehenden manipulativen Schema angepaßt wird. Identifikation und Projektion werden hier als basale Lernprozesse "auf dem Weg zum Verständnis einer fremden Handlung" 286 d.h. als "grundlegende Vorraussetzung der Teilhabe an sozialer Interaktion" verstanden.
Die Hypothese, daß Film und Fernsehen als szenisch-bildliche Darstellungen lediglich frühkindliche Klischeevorstellungen fördern, die sich einer reflexiven Bearbeitung entziehen, konnte nicht bestätigt werden. Die Autoren gehen eher davon aus, daß die Form der Vermittlungsarbeit davon abhängt, "wie gewohnte Darstellungs und Denkschablonen bei der künstlerischen Gestaltung des Medienthemas durchbrochen werden" 287.
Erzeugen die dargebotenen Medieninhalte ein zu hohes Maß an kognitiver Dissonanz 288 , ist es z.B. möglich, daß das Thema ignoriert oder die Vermittlungsarbeit vermieden wird .
5.2.4. Zusammenfassung

Medienrezeption als Form der Kommunikation anerkennend, kommen Charlton und Neumann zu dem Schluß, daß sie zwar im Vergleich zum face-to-face Gespäch "Einschränkungen der sozialen Interaktionsmöglichkeiten mit sich bringt aber keineswegs die soziale Situiertheit von Kommunikation grundsätzlich aufhebt" 289.
Die Rezeption ist in verschiedene soziale Zusammenhänge eingebettet, wodurch vielfach die Möglichkeit zur moralischen Bewertung und ethischer Anerkennung gegeben ist. Darüberhinaus kann die Rezeption verschiede Entlastungsmöglichkeiten für Kinder bieten: Der Zwang zur Selbstdarstellung und Selbstrechtfertigung entfällt und mit ihm die Furcht nicht anerkannt zu werden. In der Identifikation mit Mediengestalten "können eigene Formen der Selbstdarstellung in ihrer Wirkung auf andere geprüft werden" 290 ohne die Gefahr direkter Anblehnung in der Realität eingehen zu müssen.
Medien sind nicht aus dem Alltag von Kindern wegzudenken, doch das bedeutet keinesfalls, daß Kinder ihnen hilflos ausgeliefert sind. Die Studie von Charlton und Neumann machte statt dessen deutlich, daß Medienrezeption schon bei kleinen Kindern eine aktive, selbstgesteuerte Handlung darstellt, bei der die Inhalte des Rezipierten thematisch voreingenommen rekonstruiert, d.h. dem eigenen Entwicklungsstand und der spezifischen Lebensaufgabe gemäß gedeutet werden. Medien stehen als Sozialisationsinstanz immer noch neben Eltern, Kindergarten oder Schule und nicht über ihnen. Die ersten Interaktionsregeln werden im frühen Kontakt mit der Mutter internalisiert, für die Entwicklung der "post-konventionellen Ich-Identität" ist der virtuelle Dialog mit einem fiktiven Gesprächspartner aber konstitutiv, d.h. Medien können gerade in einer Zeit der De-institutionalisierung sehr hilfreich bei der Suche nach Sinn und Identifikationsmustern sein 291 .