2. Medienkritik

In diesem Kapitel möchte ich zunächst zeigen, inwiefern das Gedankengut der Medienkritik seinen Ursprung in der Kulturkritik hat und somit prinzipiell nichts neues, sondern eine Fortsetzung schon lange bestehender Befürchtungen darstellt.
Im Anschluß stelle ich dann verschiedene medienkritische Argumentationsgänge vor, die trotz ihrer unterschiedlichen Grundannahmen eine Gemeinsamkeit aufweisen, zu der ich in der Zusammenfassung kommen möchte.

2.1. Zur Geschichte der Kulturkritik

Die Vorstellung, daß kulturelle Inhalte eine schädliche Wirkung auf den Menschen haben könnten, verweist auf eine lange Tradition, von der ich hier einige Bespiele liefern möchte 12 :

So geriet also grundsätzlich jedes neue Medium ins Kreuzfeuer der Kulturkritiker und immer ging es um die Sorge, daß die gute, alte, traditionale Kultur von der neu Erschaffenen zerstört werden und der Mensch in seiner Entwicklung zurückgeworfen werden könnte.
Wenn man allerdings bedenkt, daß schon zu Platons Zeiten Befürchtungen bezüglich einer moralisch und geistig schädigenden Wirkung von Medien bestanden, muß es eigentlich verwundern, daß sie immer noch bestehen, denn wären sie eingetroffen, müßten wir heute bereits wieder Barbaren sein.
Ich behaupte, daß das durchschnittliche Bildungsniveau im Laufe der Menschheitsgeschichte, von zwischenzeitlichen Brüchen abgesehen, stetig zugenommen hat und, daß gerade die Medien dazu einen entscheidenden Beitrag leisteten.
Desweiteren behaupte ich, daß auch die moralische Dimension des Menschen sich nicht erheblich zum Negativen entwickelt hat. Natürlich ist die zwischenmenschliche Realität immer mit verschiedenen Formen von Gewalt durchzogen, doch ich denke, daß z.B. schwere Delikte wie Mord oder vorsätzliche Körperverletzung, heute in erheblich geringerer Zahl begangen werden, als es vor dem Aufkommen der Massenmedien der Fall war.

2.2. Beispiele der Medienkritik

Nachdem ich im letzten Anschnitt gezeigt habe, daß Medien immer schon mit großer Skepsis beurteilt wurden, möchte ich einige Beispiele von Medienkritk liefern, die etwas aktueller sind.
Sander listet als aktuell diskutierte Themen bezüglich der Wirkung von Medien u.a. die Folgenden auf 16 :

Alle diese Themen werden kontrovers diskutiert und einige dieser Diskussionspunkte werde ich im Folgenden aus medien-kritischer Sichtweise detaillierter darstellen.

2.2.1. Kritik der Kulturindustrie

Adorno, ein Vertreter der kritischen Theorie, führte in den fünfziger Jahren in seinem "Prolog zum Fernsehen"17 , der auf das amerikanische TV bezogen war, den Begriff der "Kulturindustrie" ein.
Von der marxistischen Position ausgehend, daß die Produktionsweise des materiellen Lebens, den sozialen, geistigen und politischen Prozeß bestimmt und Medien als Träger dieser Prozesse auffassend, leitet er ab, daß auch Medieninhalte als Bestandteil von Kultur, den Bedingungen des Warenmarktes unterworfen sind 18 . Öffentliche Kommunikation als Ware, muß somit nicht umbedingt einen "Gebrauchswert" haben, der z.B. in gerechteren Partizipationsmöglichkeiten bezüglich öffentlicher Meinungsbildung liegen könnte, sondern ist grundsätzlich vorrangig auf Profit zugeschnitten.
Um dieses Interesse an Profit durchzusetzen, wird, folgt man den Vertretern der kritischen Theorie, die Ideologie eingesetzt.

Laut Hofmann ist Ideologie eine , und bleiben Trotz entgegenstehender Fakten oder gar dem Wissen, daß einmal gewonnene Überzeugungen schlicht weg falsch sind, halten Ideologien mit dem Ziel der Interessendurchsetzung, an ihnen fest.
Ideologien immunisieren sich gegenüber widersprechenden Tatsachen und verschleiern die wirklichen Ziele 21 , die hinter ihren Argumenten stehen. Nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für Erwachsene sind sie schwer zu durchschauen, denn sie werden uns von früh auf, von uns wichtigen Bezugspersonen, in der Form selbsverständlichen Wissens, vermittelt: . So werden Wünsche in uns erzeugt, die wir uns zu eigen machen, ohne uns dieser äußeren Einwirkung bewußt zu sein. Auf politisch-kultureller Ebene haben Ideologien die Funktion Gesamterklärungen zu liefern. Sie erklären einerseits, was man soll und andererseits geben sie auch Begründungen dafür, warum man das, was man eigentlich wollte, auf keinen Fall noch wollen darf.

Im Rückgriff auf Freuds Triebtheorie, der behauptete, daß der Mensch, da er Triebregungen nicht auf Dauer verdrängen kann, ein hohes Maß an psychischer Energie dafür aufwenden muß, diese Regungen weiter im Unbewußten zu halten, kommt Adorno zu dem Schluß, daß diese "Triebökonomie" heute "'sozialisiert', von den Institutionen der Kulturindustrie in eigene Regie genommen" 23 wird, wozu das Fernsehen einen beachtlichen Beitrag leistet.
Adorno stellt fest24, daß heutige Menschen unter einem enormen (wirschaftlichen) Druck stehen, was dazu führt, daß sie nicht länger über ihre einmal erreichte Bewußtseinsform hinausgehen, sondern diese unablässig bekräftigen, bzw. wiederherstellen, wo sie bedroht scheint. Anpassungleistungen werden dem Individuum in den Medien immer wieder aufs Neue vorgemacht. So heißt es in der "Dialektik der Aufklärung" über Trickfilme:

Ein Beispiel, wie die "Triebökonomie" bei "Schmutzfilmen" funktioniert, liefern Adorno und Horkheimer mit dem folgenden Gedankengang:

Hier sprechen die Autoren den Medien eine kathartische Wirkung zu: Indem die Kulturindustrie, die mit Amusement gleichgesetzt wird, subjektive Innerlichkeit "zur offenen Lüge" 27 herrichtet, die nur noch als Salbaderei, in religiösen oder psychologischen Filmen erfahren wird, "um im Leben die eigene menschliche Regung desto sicherer begerrschen zu können" 28 , leistet sie die Reinigung des Affekts. Ideale bzw. die hohen Güter, werden den Menschen durch endlos stereotype Wiederholung ausgetrieben und durch Amusement ersetzt.

Daß Medien, wie auch andere Dinge, produziert werden, um Gewinn zu bringen, wäre, als solches deklariert, ein geringeres Problem. Daß dieses Gewinnstreben aber verschleiert wird 29 , während das kritische Bewußtsein der Rezipienten umnebelt und Sozialbeziehungen verdinglicht werden, macht die Kritik an der "Kulturindustrie" aus.
Die Tatsache, daß die "Kulturindustrie" eben nicht hauptsächlich an unser aller Wohlergehen, sondern an Profit interessiert ist, verdeutlichen Horkheimer und Adorno mit der m.E. erwähnenswerten Analogie:


2.2.2. Postmans Medienkritik

Als wohl populärsten Vertreter der "Anti-TV-Bewegung" möchte ich nun den amerikanischen Sozialwissenschaftler Neil Postman vorstellen, dessen Gedankengut m.E. inzwischen selbstverständlicher Teil des Alltagswissen von vielen Eltern geworden ist und das, obwohl sie oft nicht einmal seinen Namen kennen.
Postmans Werke sind sozialkritisch, mit Apellen durchzogen, leicht verständlich und geben einen relativ klaren Weg vor: Weg vom Fernsehen - hin zum Sammeln von Erfahrungen im täglichen Leben. Um einen Überblick über Postmans Kritik zu bekommen, werde ich nun auf zwei seiner vielen, in hohen Auflagen erschienen Bücher, näher eingehen.
Zunächst möchte ich mich auf sein 1983 veröffentlichtes Buch mit dem Titel: "Das Verschwinden der Kindheit" beziehen, in dem Postman in einem ersten Teil die Geschichte der Kindheit nachzeichnet und in einem zweiten Teil zu zeigen versucht, wieso heute der Fortbestand der Kindheit gefährdet bzw. gar überflüssig ist, was aus seiner Sicht einer gesellschaftlichen Katastrophe gleichkommt31 .

Die moderne Form der Kindheit entstand, wenn man Postman folgt, aus der Erfindung der Druckpresse. Grundlage dieser Postmanschen Erkenntnis ist McLuhans kultur-historischer Befund der "Gutenberg-Galaxis"32 , wonach die Erfindung des Buchdruckes, Mitte des 15. Jahrhunderts, zu einschneidenden kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen führte. So schreibt Postman:

Der Buchdruck führte dabei auch zu einer strukturellen Veränderung im Bereich der Kontrolle. Während vor der Erfindung des Buchdruckes noch, bis auf wenige gebildete Aristokraten und Kleriker, alle eine gemeinsame Wissens-, Erfahrungs- und Lernumwelt teilten, hatten jetzt Eltern und Lehrer die Kontrolle über die Wissens- und Symbolwelt der Kinder. Die Aufgabe der Erwachsenen bestand nun darin, das Kind auf den Umgang mit dieser Symbolwelt vorzubereiten 34 .
Indem Schule die Kinder aus der Welt des Alltags ausgrenzte, schuf sie kulturelle Geheimnisse, deren Kenntnis einerseits für Kinder als unziehmlich galten und andererseits zu einem Merkmal der "Erwachsenheit" wurde.
Kinder bildeten von nun an in den Schulen, mit dem Erlernen des Alphabets, die Fähigkeiten heraus, die ein guter Leser bzw. Erwachsener braucht: Individualismus, folgerichtiges Denken, distanzierte Haltung gegenüber Symbolen, abstraktes Denken, Bedürfnisaufschub und Selbstbeherrschung.
Eine weitere Folge der Erfindung des Buchdruckes ist, laut Postman, die Entstehung des Schamgefühls. Er führt aus, daß der abstrakte Gedanken begünstigende Buchdruck, den Glauben an die Dualität zwischen Körper und Geist verstärkte und auf diese Weise eine verächtliche Einstellung zum Körper förderte, was seiner Meinung nach den Sieg über unsere animalische Natur bedeutete und ein entscheidendes Element im Prozeß der Zivilisation darstellt. Weil Kinder nur über ein sehr geringes Maß an Selbstbeherrschung verfügen, stellen gewalttätige, egoistische und sexuelle Strebungen eine besondere Gefahr für sie dar. Indem ihnen in Schule und informeller Erziehung Schamgefühl eingeprägt wird, begegnet man diesen Gefahren und lehrt die Kinder später dann auch "wie sie das Schamgefühl zu einem Komplex moralischer Verhaltensregeln umformen können" 35.

Im zweiten Teil seines Buches, stellt Postman dar, wie es mit dem Strom neuer Erfindungen (Photokamera, Rotationspresse, Telephon, Radio, Grammophon, Kino und Fernsehen) zwischen 1850 und 1950 zur "Umschmelzung der Welt der Ideen in eine Welt 'lichtgeschwin-der' Symbole und Bilder"36 kam, was seiner Meinung nach eine mächtige Bedrohung für Literalität und Sprache und somit auch für die Kindheit bedeutet. Die Reichweite dieser Entwicklung beschreibt er mit den Worten:

und konstatiert, daß man Bilder und andere visuelle Darstellungen im Vergleich zum gedruckten Wort als "in kognitiver Hinsicht regressiv" 38 bezeichnen kann.
Das Bild ist unwiederlegbar, weil es keinen Plausibilitätsregeln und keiner Logik genügen muß. Fernsehen erfordert also keine besonderen Fähigkeiten und entwickelt auch keine, betont Postman immer wieder. Er stellt fest, daß in einer auf dem Buchdruck aufbauenden Kultur, Kinder einer bestimmten Schulklasse, ganz bestimmte Bücher lasen, was nicht alleine daran lag, daß sie für das jeweilige Alter wegen ihres Wortschatzes und ihrer Syntax geeignet waren, sondern auch daran, daß sie Informationen, Ideen und Erfahrungen genau dieser Alterklasse enthielten. In der Buchkultur stellten "die Beherrschung des gedruckten Wortes und eines ausgereiften Lesevermögens" 39 eine "wirksame Barriere" 40 zwischen Kind und Erwachsenem dar. Dieser Informationshierarchie und damit der Kindheit, wird durch das Fernsehen nun die Grundlage entzogen.
Um ungestört aufwachsen zu können brauchen Kinder Geheimnisse, d.h. ein bestimmtes Wissen muß ihnen vorenthalten werden,
Diese Behauptung begründet er damit, daß es für Kinder notwendig sei , weil sie nur so eine positives Selbstbild entwicklen können, das ihnen wiederum hilft, ihren Verstand, aber auch Hoffnung, Mut und Disziplin zu entwickeln.
Indem Fernsehen sich mit allem an alle gleichzeitig wendet, sei es nun allerdings nicht mehr möglich irgendwelche Geheimnisse zu wahren, was zum Verschwinden der Kindheit ganz erheblich beiträgt. Kinder werden heute mit Sex konfrontiert, was sie daran hindert Schamgefühl, zu entwickeln, sie sehen Sendungen über Krankheit, Tod und andere gesellschaftliche Probleme, wodurch sie ihr Urvertrauen verlieren, ihr Verstand wird nicht gefördert, sie gleichen heute in Kleidung und Eßgewohnheiten den Erwachsenen und zu allem Übel verliert die Familie ihre prägende Kraft für Kinder, weil Frauen vom Herd in die Berufswelt strömen und dabei Schutz und Formung der Kinder vernachlässigen 44 .

Wenn man dem "Schwinden der Kindheit" entgegenwirken möchte, muß man Postman zufolge, das Elterndasein als Akt der Rebellion gegen die bestehende Kultur auffassen.
Zu dieser Rebellion gehörte dann die Ehe, das Verbleiben in direkter Nähe der weiteren Familienmitglieder, der Wille Kinder zu lehren , die Anstrengung Kinder zu einer entwickelten Schriftfähigkeit zu bringen und außerdem die Einwirkung der Medien auf die eigenen Kinder zu kontrollieren.
Dieser letzte Punkt ist auf zwei Weisen zu erreichen und zwar erstens, indem "das Ausmaß, in dem Kinder Medien ausgesetzt sind" 46, begrenzt wird und zweitens, indem Eltern mitverfolgen, welchen Inhalten ihre Kinder ausgesetzt sind und diese Inhalte durch eine "fortlaufende kritische Auseinandersetzung mit den dabei zum Ausdruck kommenden Themen und Werten zu begleiten" 47. Auf diese Weise verhelfen Eltern ihren Kindern zu einer "echten" Kindheit und schaffen zudem auch eine "Art von intellektueller Elite" 48, weil Kinder solcher Familien bessere Chancen, sowohl im Geschäftsleben als auch in den freien Berufen und sogar in den Medien selbst, haben werden. Desweiteren halten sie, indem sie sich dem Zeitgeist widersetzen, die Tradition der Humanität am Leben.

Der Prophezeiung des "Absterbens der Kindheit" läßt Postman dann in seinem 1985 erschienen Buch "Wir amüsieren uns zu Tode" 49 eine weitere apokalyoptische Prophezeiung folgen:

Um zu illustrieren, wie Postman zu dieser Behauptung kommt, möchte ich im folgenden stichwortartig einige, ihr zugrunde liegende Thesen aufzählen 51 :

Diese apokalyptisch anmutende Kritik möchte ich nun zunächst einmal unkommentiert hier stehen lassen, werde aber im Verlauf der Arbeit immer wieder auf einzelne Punkte Bezug nehmen.

2.2.3. Medien und Gewalt

Immer wieder hört man von Zusammenhängen zwischen kindlicher Gewalt, gewalttätigen Mediendarstellungen und einer Zunahme der Gesamtgewalt.
Zu diesem Themenkomplex liegen inzwischen unzählige empirische Studien vor, die je nach Zugriffsweise, zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommen.
Ich werde hier nur zwei Thesen herausgreifen, die eine Zunahme der Gewalt durch mediale Präsentation unterstellen und diesen dann eine Studie gegenüberstellen, die das Thema methodisch auf ganz andere Weise erfaßt und so auch zu ganz anderen Ergebnissen kommt.
Als in den siebziger Jahren, die bei Kindern sehr beliebte Zeichentrickserie "Schweinchen Dick" ausgestrahlt wurde, kam es zu starker Kritik bezüglich ihres großen Gewaltgehaltes 53 . Der Psychologie-Professor Undeutsch, der sich 1974 in einem Gutachten mit der möglichen Gewaltwirkung der Serie auseinandersetze, kam zu dem Urteil: , obwohl er zugeben mußte, daß empirische Studien zu dieser Behauptung noch nicht vorliegen. Undeutsch schreibt weiter:


Grundlage dieser Behauptung ist das Modell des Imitationslernens von Albert Bandura,auf das ich hier näher eingehen will, weil es grundlegend für viele empirische Studie ist, die sich mit der Wirkung von medial inszenierter Gewalt auf den Menschen beschäftigen.
Das Modell des Imitationslernens basiert auf der behavioristischen Grundannahme eines mechanistischen Welt- und Menschenbildes. Der Behaviorismus versucht den Organismus ,den menschlichen, wie auch den tierischen, nach dem Vorbild einer Maschine (black box) zu verstehen, in die man zwar nicht hineinsehen kann, deren Funktionsweise allerdings aus dem Verhältnis von Input (Reizen) und Output (Reaktionen) ersichtlich wird. Gesetzmäßigkeiten zwischen Reiz und Reaktion werden im Glauben an die Möglichkeit der Induktion, d.h. die Möglichkeit aus einer Reihe von Einzelfällen eine allgemeine Regel ableiten zu können, als Gesetze des Verhaltens identifiziert. Da der Behaviorismus, sich streng an naturwissenschaftlichen Methoden orientiert, reduziert er alle Begriffe auf Beobachtbares, was u.a. dazu führt, daß er z.B. mit dem Begriff "Bewußtsein" nichts anfangen kann 56 .

Nach Banduras Lernmodell erfolgt das Lernen, im Gegensatz zu einem graduellen Prozeß 57 1 , durch direktes Erfassen von Zusammenhängen und schon die einmalige Präsentation eines Modellverhaltens reicht aus, um neue Verhaltensweisen zu erwerben.
Bandura macht drei verschiedene Wirkungen aus, die Modelle auf Beobachter haben können:

1. Hemmende und enthemmende Effekte.
So konnten Walters u.a. 1963 entsprechende Effekte experimentell nachweisen 58 , indem sie zwei von drei Kindergruppen, strengstens verboten, sich mit bestimmten attraktiven Spielzeugen zu beschäftigen. Nachfolgend wurden ihnen Filme gezeigt, in denen eine Mutter einem Kind etwas ähnliches verbot und es bei Verstoß entweder bestrafte oder belohnte. Die Kinder, die den Film mit Bestrafung bei Verstoß gesehen hatten, reagierten erwartungsgemäß mit sehr niedrigem Regelverstoß im Gegensatz zu den Kindern, die den Film mit Belohnung gesehen hatten.

2. Bahnende Effekte, wobei durch ein Modell eigenes Verhalten erleichtert wird. Nachgewiesen wurden diese Effekte inzwischen in verschiedenen Bereichen, wie z.B. bei der Hilfeleistung.

3. Beobachtungslernen. Im Gegensatz zu hemmenden, enthemmenden und bahnenden Effekten tritt beim Beobachtungslernen neues Verhalten auf. Laut Bandura spielen hierbei verschiedene, voneinander abhängige Prozesse eine Rolle:
Der Beobachter muß dem Modell seine Aufmerksamkeit schenken und Persönlichkeitsmerkmale des Modells, wie Attraktivität, Status, Kompetenz, und soziale Macht spielen ebenso eine Rolle, wie die Persönlichkeitsmerkmale des Beobachters, zu denen auch die Selbstwertschätzung und sein ökonomischer Status zählen. Außerdem muß der Beobachter die Absicht haben das Modellverhalten zu reproduzieren und muß es auch behalten können, wobei verschiedene Formen mehr oder weniger förderlich sein können. Desweiteren spielt auch die Entwicklung des kognitiven Systems eine Rolle. So sind beispielsweise jüngere Kinder noch nicht in der Lage den Zusammenhang von Handlungsmotivation und nachfolgender Aggression zu erfassen59. Die motorische Reproduktion hängt wiederum davon ab, inwiefern das beobachtete Verhalten geeignet zur Nachahmung ist und motivationale Prozesse schließlich, haben eine wichtige Funktion dafür, welche Konsequenzen sich aus dem Beobachten von Verhalten ergeben, ob es z.B. nur registriert oder auch selber ausgeführt wird.
Hierzu liefert Bandura ein Beispiel 60 :

In einem kurzen Film sehen drei Kindergruppen einen Erwachsenen, der seine Aggressionen an einem Spielzeug austobt. Gruppe A wird nun im Anschluß gezeigt, wie das Modell für sein Verhalten belohnt wird, bei Gruppe B wird das Modell bestraft und Gruppe C bekommt keine weiteren Informationen. Anschließend werden die Kinder mit dem im Film gezeigten Spielzeug alleine gelassen und beobachtet.
Wie erwartet, reproduziert die Gruppe A am stärksten die beobachteten Aggressionen, gefolgt von Gruppe C. Gruppe B zeigte die wenigsten Aggressionen.
Das Beobachtungslernen der Kinder war also scheinbar von der Konsequenz abhängig, die das Modell für sein Verhalten erfahren hatte. Nun forderte der Versuchsleiter alle Kinder dazu auf alle Verhaltensweisen, die sie bei dem Modell gesehen hatten zu reproduzieren und versprach dafür eine Belohnung. Jetzt verschwanden die Unterschiede zwischen den Gruppen hinsichtlich der reproduzierten Aggression wieder. Für Bandura war dies ein Beweis seiner Lerntheorie, nach der zwar die Ausführung, nicht aber der Erwerb, von am Modell beobachteten Konsequenzen des Verhaltens abhängt.

Laut Kunczik sind die Experimente von Badura, Ross und Ross 61 für die Diskussion um die Effekte von Gewaltdarstellungen von zentraler Bedeutung.
Man zeigte den vier- bis sechsjährigen Probanden einen Film, in dem eine erwachsene Modellperson sich verbal und physisch aggressiv mit Spielzeug und speziell mit einer Plastikpuppe auseinandersetzte, die er boxte, mit einem Holzhammer schlug und durch die Luft warf. Nach dem Film wurden die Kinder frustriert, indem man ihnen ein zunächst zum Spie-len angebotenes Spielzeug, wieder wegnahm. Nun folgte eine Spielsituation, die mit der im Film gezeigten weitgehend identisch war und in der Experten das Verhalten der Kinder einstuften und mit dem Verhalten des Modells verglichen.
Das Ergebnis zeigte, daß die Kinder das Verhalten des Modells imitiert hatten und Bandura zog daraus den Schluß, daß Gewaltdarstellungen generell imitiert werden.

Gegenüber Banduras generalisierter Schlußfolgerung sind allerdings verschiedene Kritikpunkte einzuwenden:

So wendet Kunczik ein, daß den Kindern in dem Versuch in keiner Weise klar war, daß das Modellverhalten negativ zu bewertendes Verhalten ist, da der Versuchsleiter keine negativen Bemerkungen machte und ihnen, um dieses Urteil selber fällen zu können, entwicklungsgemäß, der normative Bezugsrahmen noch fehlt 62. Außerdem waren die Kinder durch die unbekannte Situation sowieso imitiationsbereiter als sonst. Kunczik verweist u.a. auf Walters und Willows 63 , die bei älteren Kindern keine Imitation eines solchen Verhaltens feststellen konnten.
Außerdem kritisiert Kunczik, daß bei diesem Versuch das Stimulusmaterial selbst entscheidenden Einfluß auf die, von den Kindern reproduzierte Gewalt ausübte. Banduras Puppe besaß die Eigenschaft, sich immer wieder aufzurichten, was geradezu provoziert, das von Experten als aggressiv eingestufte Verhalten, wie Treten, Schlagen, Schubsen, auszuführen. Er bezeichnet das als aggressiv eingestufte Verhalten daher lieber als Indikator für das Aktivitätsniveau der Probanden, da die Kinder gar nicht die Absicht hatten aggressiv zu sein.

In ihrer Ausgabe vom 17.05.1999 schreibt die Frankfurter Rundschau unter der Überschrift "Clinton appelliert an Hollywood": Clinton bezieht sich hier wohl auf die Habitualisierungsthese, die besagt, daß Gewaltdarstellungen an Aggressivität gewöhnen und die emotionale Sensitivität derartig mindern, daß Gewalt als legitimes Mittel zur Durchsetzung eigener Interessen und zur Lösung von Konflikten angesehen wird.

Kunczik stellt allerdings heraus, daß inzwischen eine Vielzahl von empirischen Studien die Habitualisierungsthese widerlegen konnten und, daß es sich bei Individuen, die im Sinne der Habitualisierungsthese reagieren würden um seltene Ausnahmefälle handelt,
In einer qualitativen, struktur-analytischen Studie von Aufenanger u.a. wurde das Thema "Fernsehen und Gewalt" auf ganz neue Weise angegangen 66 :

Es wurde die Frage gestellt, ob bei Kindern ein Verwechslungsrisiko bezüglich realer und inszenierter Gewalt in humoresken Programmkontexten besteht, das sie in ihrer Vorstellung von Gewalthandlungen und ihrem Weltbild über die Bedeutung von Gewalt, im Sinne von Verharmlosung, negativ beeinflußt. Theoretische Grundlage dieser Studie war u.a. das Entwicklungsstufen Konzept von Piaget 67. Die Forscher interessierten sich besonders für die Frage, ob die Verwechslung Folge der kognitiven Entwicklungsstufe ist, wobei das Risiko sich mit zunehmender Reife mindern würde, oder, ob es sich um altersunabhängige, medienspezifische Probleme handelt.
An älteren Studien kritisieren die Autoren einen zu eng gefaßten Gewaltbegriff, der den Schwerpunkt auf eine intendierte Schädigung und die damit verbundenen Folgen legt und sowohl als Maßstab für Gewaltsequenzen, die man Kindern zeigte, als auch für deren Gewaltverständnis, benutzt wurde. Aufenanger und sein Team bevorzugen dagegen einen erheblich weiter gefaßten Gewaltbegriff, weil nur so "die für Kinder bedeutsamen Aspekte medialer Gewalt ohne einschränkende, vorgegebene Reaktionsmodelle zu ermitteln" 68 sind.
Gewalt wird hier zunächst differenziert nach den Kriterien "vorsätzlich" 69., "fahrlässig" und "unbeabsichtigt". Desweiteren wird physische Gewalt von psychischer differenziert, wobei sich physische Gewalt gegen Sachen oder Personen richten kann und dabei von einem oder mehrern Tätern mit oder ohne Waffen ausgeübt wird, während psychische Gewalt sich nur gegen Personen richtet. Strukturelle Gewalt, die sich in ungleichen Machtverhältnissen, bzw. in den, in ein soziales System eingebauten Ungerechtigkeiten manifestiert und deren Verursacher meist nicht sichtbar sind, wird von den Autoren zwar auch Relevanz zugesprochen, sie wird allerdings in der Studie ausgeklammert, weil den Kindern, die zu ihrer Identifikation nötigen kognitiven Fähigkeiten noch fehlen.
In Einzelinterviews, Gruppendiskussionen, kreativen Spielphasen und Diskussionen nach der Rezeption verschiedener Filmsequenzen, wurde Material gesammelt, das die Forscher anschließend einer qualitativen Analyse unterzogen. Dabei kamen sie zu dem Ergebnis, daß insgesamt gesehen kein als problematisch zu betrachtendes Verwechslungsrisiko besteht, weil die Kinder mit zunehmendem Alter sehr wohl zwischen realer und inszenierter Gewalt unterscheiden konnten und die gesehene Gewalt auch in keinem Fall legitimierten oder auf den Alltag übertrugen. Einzig beim Wrestling hatten die Kinder, und zwar auch die Älteren, was ja hier von entscheidender Bedeutung ist, Schwierigkeiten Realität und Fiktion auseinanderzuhalten, was zu Fehleinschätzungen bezüglich der gezeigten Gewalt und zur Ausblendung ihrer moralischen Bewertung führen kann und in der Tat ein Problem darstellt 70.
Die Forscher fanden aber auch heraus, daß Kinder die um die Machart der gezeigten Gewalt wußten, also schon ein gewisses Maß an "Medienkompetenz" zeigten, diese auch besser verstehen und erklären konnten, als andere 71 .
2.2.4. Zusammenfassung

Obwohl den von mir zusammengetragenen Medienkritiken völlig verschiedene Konzepte zugrunde liegen, weisen sie doch eine Gemeinsamkeit auf: Sie alle sprechen dem Individuum die Fähigkeit ab, sich aktiv mit dem Rezipierten auseinanderzusetzen.
Laut materialistischer Kritik ist alles, was der Mensch denkt oder tut nur mit Blick auf das Gesellschaftssystem und seine Geschichte zu verstehen. Die Medien sind wiederum nur Teil dieses Systemes, das den Einzelnen mittels Ideologie lenkt. Das System, bzw. die ökonomischen Mächte, die dahinter stehen, bewirken somit sowohl unsere Bedürfnisse, als auch die Art und Weise, wie wir mit ihnen umgehen.
Egal, ob wir behaupten Medien helfen uns beim "Abschalten" oder verschaffen uns die Spannung, die wir im Leben sonst so sehr vermissen oder, ob wir behaupten Medien verhelfen uns zu Informationen, die wir sonst nirgends bekommen können - am Ende sind wir immer die "Dummen", die in genau der, von den Mächtigen dieser Welt, gewünschten Weise reagieren.

Postman, der mit seinen sozialkritischen Behauptungen der materialistischen Kritik sehr nahe zu stehen scheint, unterscheidet sich von jener jedoch ganz erheblich. Er fügt der Ideologie der Medien eine eigene hinzu: Indem er die Lesekultur zur "einzig Wahren" überhöht, verschleiert er, daß gesellschaftliche Ungleichheiten immer schon bestanden haben und gerade die Buchkultur Ausdruck und Lebensform bürgerlicher Interessen war.
Daß die Buchkultur einen einzigartigen rationalen Diskurs hervorbrachte, der nun zerstört wird, weil wir durch die Massenmedien alle verblöden, ist sowohl stark verkürzt dargestellt, als auch die Realität diverser Kriege mißachtend, die aus eben dieser hochgelobten Kultur hervorgingen. Ganz deutlich wird der Unterschied zu der materialistischen Sichtweise auch, wenn man bedenkt, daß Postman zwar das Schwinden von Kritik- und Denkfähigkeit bedauert, andererseits aber in bewahrpädagogischer Manier, wiederum von diesem abhält, indem er definiert, was das jeweils "Beste" ist. Kinder sollen Lesen, sollen vom Modell der Ehe lernen und sollen lernen ihr Schamgefühl in einen Komplex von Verhaltensregeln 72 , die wiederum dogmatisch gesetzt werden, umzuwandeln.
Während die kritische Theorie das methodische Anliegen verfolgt, die Lebensbedingungen kapitalistischer Systeme in ihrer Totalität zu begreifen und fordert, daß grundsätzlich alle gesellschaftlichen Werte und Normen durch ihr Eingebundensein in einen wirtschaftlichen Zusammenhang, kritisch hinterfragt werden müssen, kritisiert Postman nur die Werte und Normen der bestehenden Gesellschaftsform, die ihm nicht gefallen und setzt überkomme bürgerliche Werte an ihre Stelle.
Leider kann ich nicht alle Differenzen zwischen Postman und der Kritischen Theorie, von denen es noch etliche aufzuzählen gäbe, hier würdigen. So belasse ich es dabei, festzuhalten, daß ein entscheidender Unterschied in ihrer Vorgehensweise liegt: Während Postman bewahrpädagogisch-normativ argumentiert, will die kritische Theorie die Totalität gesellschaftlicher Zusammenhänge aufklärerisch erhellen. Die Gemeinsamkeit der Argumentationsweise liegt darin, daß sich beide Positionen nicht für die Frage interessieren wie das Individuum als aktives Wesen, das auf seine ganz eigene Weise mit Medien umgehen kann, die Rezeption von Medien selber erlebt.

Auch die im Kapitel "Medien und Gewalt" dagestellte empirische Wirkungsstudie weist m.E. diesen Mangel auf. Hier wird unterstellt, daß der Mensch kausal von Reizen determiniert ist bzw., daß auf ein bestimmtes Signal, eine bestimmte Reaktion des Menschen erfolgt, die, wenn sie nur oft genug auftritt, verallgemeinert werden kann.
Im Gegensatz zu Postman und der Kritischen Theorie, geht die Empirie also noch einen Schritt weiter. Hier wird nicht nur behauptet, menschliche Aktivität und kritisches Vermögen würden, bewirkt durch Medien eingeschränkt bzw. "umnebelt", sondern sie werden dem Individuum prinzipiell abgesprochen 73 , denn selbst, wenn intervenierende Variablen beachtet werden, bleibt die angenommene Kausalität von Reiz und Reaktion Grundlage der Forschung.

Mit einem Zitat von Kant, in dem die von mir an allen, hier vorgestellten, medienkritischen Sichtweisen bemängelte implizite Passivität des Indiviuums zur Sprache kommt, möchte ich nun zum nächsten Kapitel überleiten: